Kennst du das Leben? Ich glaube, du hast es nie gesehn.
Du lebst in den Sielen;
Du bist wie die vielen.
Die oft danach schielen
Und die doch immer daran vorübergehn.
Das Leben ist bunt wie ein schillernder, dürstender Schmetterling,
Der aus Blütenwogen
Sich Zucker gesogen,
Der im Lichte geflogen
Und lange an den köstlichen Kelchen hing.
Das Leben ist weich wie ein leise spielender Morgenwind,
Wie ein zartes Wehen
Aus strahlenden Höhen,
Wer`s nie gesehen,
Der weiß es nicht, was duftende Rosen sind.
Das Leben ist roh; es kümmert sich um den Menschen nicht.
Es läßt ihn verrecken
An Straßenecken,
An Zäunen und Hecken;
Es geht vorüber mit eisigem Angesicht.
Das Leben ist groß, ist ungeheuer groß und rein;
Es hebt zu den Göttern,
Es kann zerschmettern,
In goldenen Lettern,
Trägt es die Großen in die Geschichte ein.
Das Leben ist voll Schönheit, Roheit und Hinterlist,
Voll harter Stöße,
Von schmutziger Blöße,
Von unendlicher Größe,
Das Leben ist immer so, wie du selber bist!
Jahr: 1877