Schneesturm rast um alte Mauern, im Kamine heult es hohl, den die Weiber bang umkauern. ahnend um des Todes Lauern, in den Bergen von Tirol. Da steht jäh in Tores Rahmen, wüst von Reif und Eis bedeckt, mit sich reißend Sturmes Fahnen, bleich, ein Mann mit fremdem Namen, der nach einem Seile frägt. Das von wirrem Haar umwallte, narbenwilde Angesicht und das dunkle, kraftgeballte Auge, das von Feuer strahlte, liehen seinem Wort Gewicht. Während all' die Mägde schwiegen, sprach ein Alter, ernst und schlicht, Fremder lass' den Sturm versiegen, Berge kannst du nicht besiegen, Sturm entbindet dich der Pflicht. Doch der Fremde greift nach Stricken und er sagt, war gut gemeint, doch was wiegen Sturmes Tücken, wenn in tiefen Gletscherlücken auf die Rettung harrt ein Freund? Mann bedenkt's, entfährt's dem Alten, mag es auch dein Bruder sein, er starb längst in Gletschers Spalten. Warum willst du den Gewalten sinnlos leichte Beute sein? Ist es Brauch in euren Gauen, rief der Fremde zornentbrannt, ziellos lungern bei den Frauen, während Freunde auf euch bauen, hoffend, spähend unverwandt? Den, den ich zu retten gehe, hielt kein Heer von Feinden ab, wüsst er mich in Todesnähe, wüsst er elend mich und wehe. Er ist würdig meiner Tat. Jäh entschwunden in den Böen war des Fremden Spukgestalt. Nichts als Heulen, nichts als Wehen, keinen Arm weit war zu sehen und kein Ruf, der nicht verhallt. Schaudernd beteten die Dirnen, und ein Knabe schloss das Tor. Ernst umwölkte Männerstirnen, alles Ehrfurcht, nirgends Zürnen, nur im Tal gilt Held als Tor. Unschuldsvoll kam dann der Morgen, hat wohl nie an Sturm gedacht. Lacht so mild und fern von Sorgen, könnt' er nicht von Sanftmut borgen jener sturmdurchbrüllten Nacht? In den Schnee hinaus zu waten drängt sich eilig Jung und Alt, freizulegen Stall und Katen, mit der Schaufel, mit dem Spaten, denn der Ruf der Kühe schallt. Da, ein Mädchen fand den Fremden, der nicht fern vom Hause lag. Während Tränen Augen blenden, wühlt sie sacht, mit zarten Händen, bis der Schnee nichts mehr verbarg. Manche taten stumm sich wenden, vor dem grauenhaften Fund. Leblos sahn sie jenen Fremden, halten in erstarrten Händen, einen grauen, toten Hund.
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