Das Gelände ist der Stoff, in das die Seele ihren Stil hineinwirkt und es so zur Landschaft macht. Das Gelände bietet der Seele Möglichkeiten für die schauende Gestaltung; aber nicht jedes Gelände bietet die gleichen Möglichkeiten. ... Die See des Nordens atmet überall Unendlichkeit... Auf dem Meere des Südens, dem Mittelmeer, ist alles immer nahe, und wo man kein Ufer mehr sieht, da ahnt man doch das Ufer, mehr noch: man spürt seinen Dunst oder glaubt ihn doch zu spüren. Hier ist alles umgrenzt mit Gegenwart und mit immer maßvoller Schönheit. Und wenn über die nordische Landschaft die Wolken rastlos ziehen, weit oben und immer weiter ins ewig Ferne hin, und wenn die Sterne hoch sind und der Himmel blaß und fern, dann wölbt sich der südliche Himmel fast zum Greifen nahe, und seine Wolken lungern ohne Bewegung oder sie tummeln sich wie in neckendem Spiel. Der Norden erzieht seine Menschen zu immer neuem Aufbruch: ihr Blick greift immer ins Ferne und befriedet sich darum nie. Der Süden aber, das Mittelmeer und seine Ufer, laden ein zu immerwährendem Verweilen: hier ist alles Lockung und Dasein, beglückende Gegenwart. ... beseligend ist das Licht des Südens für die nordische Seele, beseligend und verderblich zugleich, wie das Kerzenlicht für die Motte. Erst fühlen wir uns wunderbar befreit von der rufenden Ferne, der immer drängenden Bewegung des Nordens; denn hier ist alles einfach da und ist prächtig schön und fertig. Dann aber legt sich uns die ewige Nähe, dieser Landschaft um die Seele und schnürt ihr den Atem ab.
Jahr: 1939