Wir saßen mit etwa acht Mann um den bullernden Kanonenofen in der Revierbaracke.
Die anderen lagen auf ihren Strohpritschen.
Sie waren zum Teil zu schwach, um aufzustehen.
Seit Anfang November vegetierte ich dahin.
Im Mai waren wir hierher transportiert worden in Güterwagen, in denen noch zentimeterdick der Kohlenstaub lag.
Ich war in Deutschland am Main durch amerikanische Truppen in Gefangenschaft geraten.
Diese hatten uns durch mehrere Hungerlager transportiert, nach Südfrankreich gebracht und uns dort an meinem 18. Geburtstag an die Franzosen übergeben.
Obwohl wir jetzt etwa 200 Kilometer südlich von Bordeaux waren, war es draußen empfindlich kalt.
Ausgemergelt, wie wir waren, setzte uns die Kälte besonders zu.
Ich war lange von meinen Kameraden getrennt und war durch mehrere Arbeitslager geschleppt worden.
Wir mussten Bäume fällen und zersägen.
Das Schlimme war, dass die Wälder absichtlich in Brand gesteckt worden waren.
Der Boden war bedeckt mit schwarzer Asche und bei jedem Axthieb wurde sie wieder aufgewirbelt.
Durch Hungerruhr, die ungewohnt schwere Arbeit und völlig ungenügende Ernährung waren alle total abgemagert und entkräftet.
Da bekam ich Fieber und wurde mit ein paar anderen Kameraden in das regionale Hauptlager Sore gebracht.
Dort wollte ich aber auf keinen Fall bleiben, denn ich hatte hier schon früher schlechte Erfahrungen gemacht.
Der deutsche, noch relativ junge Lagerarzt erschien und stellte mich auf eine Waage.
Ich sah nur noch, wie er die Stirn runzelte, dann wurde ich bewusstlos und fiel um.
Als ich aufwachte, lag ich im Revier auf einer Pritsche.
Ich hatte eine doppelseitige Lungenentzündung und permanent hohes Fieber.
Vieles habe ich in der Folgezeit deshalb nicht richtig wahrgenommen.
Ich habe auch einmal im Fieberwahn einen Fluchtversuch gemacht und wäre dabei beinahe erschossen worden.
Aber das hat man mir erst später alles erzählt.
Ich weiß nur, dass sich der deutsche Lagerarzt sehr um mich gekümmert hatte, aber er konnte keine Medikamente herbeizaubern.
Nach der Krankheit wog ich noch 39 Kilo.
In den vergangenen Monaten waren jede Woche mehrere Kameraden verhungert.
Aber dann hatte ich Anfang Dezember Glück!
Neben mir lag für einige Tage der deutsche Koch der französischen Unteroffiziersküche.
Wir bekamen jeden Monat zwei kleine Päckchen Tabak, die ich natürlich gegen Lebensmittel eintauschte.
Da er die Verpflegung aus der Lagerküche nicht benötigte, aber gerne rauchte, hatte er seine Abendsuppe gegen ein Päckchen Tabak eingetauscht.
Dieser Kamerad war aber auf ein Arbeitskommando versetzt worden, und da bot er mir, ich hatte wohl sein Mitleid erregt, den gleichen Tausch an.
Meine Freude war unbeschreiblich!
Nun saßen wir hier, so gut wie niemand hatte bis jetzt irgendeine Nachricht von zu Hause erhalten, und machten uns so unsere Gedanken.
Das wichtigste Thema war natürlich der Fresspott!
Es hatte zu Weihnachten für jeden eine Flasche Leichtbier gegeben, die ich aber sofort gegen eine Scheibe Brot eingetauscht hatte.
Nun ging langsam unser Holzvorrat zu Ende, als die Tür aufging und eine Gruppe von Kameraden aus den anderen Baracken erschien und Holz, das sie in den gerodeten Wäldern für uns sammeln mussten, hereinbrachten.
Das war die erste Weihnachtsüberraschung.
Kurz danach kam für mich persönlich die zweite.
Der bereits erwähnte Koch erschien, kam direkt zu mir und fragte mich, ob ich auch das zweite monatliche Päckchen Tabak für die täglich Mittagssuppe tauschen wollte, denn sein anderer Tauschpartner war auch nicht mehr da.
Das war für mich mehr als eine Bescherung, denn es bedeutete meine Rettung!
Jahr: 1945