Deutsche Dichter & Denker

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Die Verdener Heide

Die Verdener Heide

Zu Verden auf der Heide schwarzmähnig stürmt die Nacht. –
Was greifst du, Vater, die Hand mir, was schreitest du so sacht?
Schweig‘ still, du Kind, schweig‘ stille, bis wir vorüber sind! –
Was hebt sich aus der Erden ein geisterhaft Gesind? –
Eile, mein Kind, so eile, eh‘ uns der Troß gesehn! –
Ich kann nicht weiter, Vater, ich muß hier bleiben stehn!
Was hebt so blutige Hände? Was öffnet sich der Schlund?
Ein roter Schein bricht blutig aus schwarzem Heidegrund? –
Vorüber, Kind, vorüber! – Was steigt die rote Glut
Zu schwarzen Wolkenbrüsten? O Vater, ist das Blut? –
Das ist das Blut, vergossen von edler Sachsen Not:
Viertausend edle Sachsen liegen hier unten tot! –
Was, Vater, taten jene, daß sie so schwer gebüßt? –
Sie gaben Treu‘ um Treue, das haben sie gebüßt! –
Was, Vater, wandelt dorten so hoch und bluterhellt? –
Und das ist Karl der Kaiser, er wandelt um das Feld! –
Was trägt er seine Krone schwer in den Händen sein? –
Er wischt mit seinem Mantel die blutige Krone rein! –
Was murmelt er im Barte? Wie Wolken stürmt die Stirn!
Was hebt er nun die Hände bis an des Himmels Firn? –
Vorüber, Kind , vorüber! Wer Kaiser Karl gesehen
Zu Verden auf der Heide, der darf nicht stillestehn! –
Halt an, halt an, o Vater! O sprich mit ihm ein Wort! –
Wer je verstand sein Murmeln, der läßt nicht diesen Ort! –
Ich will den Ort nicht lassen, eh‘ ich sein Wort verstand,
Was Erdenrot bedeutet und was des Himmels Brand! –
Das ist in späten Herbsten alljährlich eine Nacht,
Da Kaiser Karl der Schlächter zu seiner Reu erwacht!
Die Priesterschergen flüstern, und Kaiser Karl gebeut’s:
Viertausend edle Sachsen tilgte das fremde Kreuz!
Und ob sie Treu geschworen, ihm galt die Treue nichts:
Des rötet sich alljährlich der Gram seines Angesichts! –
O Vater, lieber Vater, er hebt das Haupt zum Wort! –
Von hinnen, Kind, von hinnen! Seiner Stimme Ton ist Mord! –
Ihr edlen Sachsenhäupter, die ich verblendet schlug,
Wann endet mir das Wandern, habt Rache ihr genug?
Mein Schwert hab‘ ich gewaschen, des Reiches Krone auch:
Was rötet ihr sie alljährlich mit blutigem Heiderauch?
Ich will ja Buße geben, ein Rächer soll erstehn!
Ich selbst will wiederkommen, will selbst voran euch gehen!
Ich selbst will blutig rächen der alten Götter Tod,
Der Fürsten und der Mannen, des deutschen Landes Not!
Die Toten will ich rufen, die Lebenden hervor:
Vater und Sohn soll hören, was Kaiser Karl beschwor! - -
*
Zu Verden auf der Heide, da rötet sich die Nacht,
Da ist in Nordlichtschimmern Walhallens Bild erwacht!
Die alten Götter raunen in roten Glanzes Wehr?
Wer beut den ewigen Göttern die Krone bluteschwer?
Was glänzt die alte Krone in seligem Glanze neu?
Ist Karl entsühnt, der Kaiser? Half ihm Jahrtausendreu?
Reicht Wodan ihm die Rechte? Tritt Balder ihm zur Seit‘?
Gibt Freia seinen Schritten lichtlockiges Geleit?
Ist Heil uns widerfahren? Versank des Blutes Schein?
Kehren die seligen Götter nun wieder bei uns ein? –
*
Zu Verden auf der Heide umgeht ein alt Gebot,
Was trägt der Knab‘ am Hute?

Ein Heidesträußlein rot!