Deutsche Dichter & Denker

Der Denker sagt das Sein, der Dichter das Heilige!
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Heimat

Heimat

Siehst Du, wie über Dir der Himmel sich wölbt, der Himmel, unter dem Du lebst, die Bahn der Sonne vom Morgen zum Abend und nachts der Gestirne Stand und Weg? Kennst du den Sturm, der von Norden her graue Wolken wälzt über die schauernde Erde, und kennst Du den sanften Hauch, der sommerabends leise in den Blättern spielt? Siehst Du die Eiche, wie sie kahl starrt im Winter, grünend zum Frühling und gilbend zum Herbst, allzeit verändert und allzeit vertraut, – siehst Du, wie die Meereswogen gleich schäumenden Rossen einherstürmen und brüllend am Steindamm sich bäumen, und siehst Du, wie das Flüßchen sanft durch eine grüne Au sich windet? Hörst Du die Sprache, darin du die ersten Worten lalltest, darin Du denkst und Deinen Glauben und Deine Liebe hegst, – hörst Du den Ton der knarrenden Türe in Vaters Haus, Dir seit der Kindheit vertraut, und hörst Du alljährlich den Schrei der ziehenden Wildgänse? Kennst Du das Gold des späten Abendsonnenglanzes, der das Sommerland, zaubrisch verwandelt, zu letztem Tagesblick erschließt, und kennst Du den tausendfachen Widerschein der Winterfrühsonne auf harschem Schneefeld? Weißt Du, wie nach Frühlingsregen die Scholle dampft vor heiliger Fruchtbarkeit, – weißt Du, wie der süße Sommerduft über dem blühenden Kornfeld steht, und weißt Du, wie die blauen Kornblumen leuchten im goldreifendem Felde? Kennst Du das alles, fühlst Du es? Es ist alles ein Stück von Dir, es ist in Dir Blume und Baum und Kornfeld, Strom und Meer und Sturm und Abendsonnenschein, es ist in Dir die frische Scholle und die grünende Wiese, das Schneefeld, der Schrei der Wildgänse und die jagenden Wolken im Herbststurm, das Lächeln der Mutter wie Sprache und Art Deines Volkes. – Du lebtest und wuchsest, und alles war in Dir, schon von den Vätern her, von deren Blute Du bist. Mensch, das alles ist Heimat – wahre die Heimat in Dir! Stark und gut bist Du, Heimatmensch, und trägst das Leben, – schwach und erbärmlich ist der Mensch ohne Heimat!


Jahr: 1910