Ein grauer Morgen, der Herbststurm weht,
er peitscht die Wasser im nahen Fleet.
Bei den knorrig-verbogenen Weiden,
da warten die Pfaffen im römischen Tuch:
Heut’ will sich der Radbod entscheiden;
Vernichtung den Heiden, Bannstrahl und Fluch,
das soll uns der Fürst jetzt beeiden !
Bald wird er zertreten, der Friesen Spott,
es beugt sich ihr König dem Christengott.
Hier mag er die Taufe empfangen -,
Mondzeichen wie Wetter gelten ihm gleich.
Schon künden ihn Fahnen und Stangen,
er naht mit Gefolge über den Deich.
Erfüllung fand Beten und Bangen !
Der Bischof mit schmalem, wölfischem Blick
wirft hastig die Schafspelzkapuze zurück:
Beim gütigen Christ - Jetzt wogt sie heran.
Die brodelnde Menge gibt Einem Raum -,
da schreitet der stolze, gewaltige Mann,
dieser Friese, so hoch wie der Eichenbaum.
Ein neuer Vasall, den die Kirche gewann ?
Die mönchischen Knechte stehen bereit,
dem Radbod zu helfen ins Täuflingskleid.
Ungläubig, sprachlos, im weiten Rund
harrt das Landvolk der Fischer und Bauern,
mit brennenden Augen - die Herzen wund,
im entsetzten, im heillosen Trauern.
Zerbricht nun der trutzige Friesenbund ?
Von Böen zerrissen, erstirbt der Choral;
wer kennt eines Königs Entscheidungsqual ?
Forschend schaut er über die Fremden hin,
sieht die huldvoll-höhnischen Mienen.
Bringen Buße und Taufe wahrhaft'gen Gewinn,
soll er wirklich dem Römergott dienen ? -
Da erwacht sein friesischer Eigensinn:
Bischof, sag an - lasse Lüge und List -
eine Frage, die vordem zu klären ist.
Du versprachst mir im Tode ein seliges Leben,
in goldprunkend-himmelsmächtiger Halle,
dein Gott wolle geistige Schätze mir geben -,
wo aber fänd' ich die Ahnen alle ?
Dies' gestehe mir, ohne zu beben !
Da tritt der Kirchenmann dicht auf ihn zu:
Fürst, preise dich glücklich, Erster bist du !
Die anderen vor dir, die Missetäter,
die brät man im höllischen Feuer.
Deine verblendeten Vettern und Väter,
war’n heidnisch verworfene Ungeheuer -,
zur Verdammnis geschickte Verräter.
Ein Ruck fährt durch die hohe Gestalt,
Seine mächtige Stimme den Sturm überschallt:
Dann bleibe ich Heide -, des Odins Sohn -,
denn die Meinen kann ich nicht missen.
Ich verzichte auf euren nichtswürdigen Lohn,
lieber werd’ ich von Flammen zerbissen !
Und die Friesen brüllten im lachenden Hohn.
Mit den Geistern armseliger Christen,
wie könnt’ ich da feiern und fristen ?
Wo die Wackeren, Weisen beisammen sind,
ob in Walhalls Licht - ob im Flammental,
dort will ich weilen mit Vater und Kind,
sei's die Hölle oder des Odins Saal -,
will seh'n, was die Norne mir spinnt!
Deutsche Dichter & Denker
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