Weihnachten stand vor der Tür.
Wie in jedem Jahr hatten sich die Bewohner des kleinen Dorfes im Saal ihrer Gemeinde zu einer besinnlichen Weihnachtsfeier versammelt.
Die Kaffeetafel war mit leckeren Sachen gedeckt, und die Menschen hatten ihre besten Kleider angezogen.
Der Lehrer hatten mit den Kindern Weihnachtslieder geübt, und sie gaben ihr Bestes, um die Anwesenden zu erfreuen.
Der Lehrer begleitete sie auf dem Klavier. Die älteren Jungen und Mädchen sagten Gedichte auf.
Ein älterer Mann aus dem Dorf trat in die Mitte des Raumes, um eine Weihnachtsgeschichte zu erzählen:
Es war in der Weihnacht. Draußen war es bitter kalt, und die Luft klirrte vor Frost.
Die Landschaft war von hohem Schnee bedeckt, am klaren Himmel tauchten die hell leuchtenden Sterne den Abend in ein seltsames Licht.
Eine tiefe Stille lag über dem Land.
Durch den hohen Schnee stapfte ein einsamer Wanderer dem fernen Dorfe zu.
Er trug einen verschlissenen Mantel, der schon seit langem seine ursprüngliche Farbe verloren hatte, aber an seinem Schnitt erkennen ließ, daß er einmal zu einer Uniform gehört hatte.
Eine Strickmütze wärmte seinen Kopf, und seine Hände steckten in unförmigen Handschuhen. Ein Rucksack hing über seinen Schultern.
Er hatte einen langen Weg hinter sich. Der längst zu Ende gegangene Krieg und die langen Jahre der Gefangenschaft im fremden Land hatten seine Haare grau gefärbt und seinen Körper gebeugt. Seine Schritte waren schleppend.
Als der einsame Mann die Lichter seines Heimatdorfes in der Ferne als helle Punkte am Horizont erkannte, blieb er stehen. Seine Brust wurde eng, und eine unbekannte Furcht kroch in ihm hoch.
Wie würde alles sein?
Was erwartete ihn, wenn er endlich das Ziel seiner langen Reise erreicht hatte? Würde er seine Frau und seine Kinder, die so lange nichts von ihm gehört hatten, noch antreffen? Waren sie am Leben und gesund?
Was war aus seinem Hof geworden, der so lange ohne männliche Hand gewesen war?
Fand er noch alles vor, oder traten ihm in seinem Haus, das seit Generationen im Besitz seiner Familie war, plötzlich fremde Menschen entgegen, die mit dem unbekannten Besucher nichts anzufangen wussten?
Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf, als das ferne Läuten kleiner Glöckchen, wie sie Schlittenpferde im Winter zu tragen pflegen, sein Grübeln unterbrach. Er wandte sich um und gewahrte einen Schlitten, der auf ihn zukam.
Als dieser neben ihm hielt, forderte ein alter Mann ihn freundlich auf, einzusteigen und den Rest des Weges mit ihm zu fahren.
Während der Fahrt erzählte der unbekannte Fahrgast dem Alten einen Teil seiner Geschichte und berichtete ihm auch von seinen Ängsten.
Der alte Mann lächelte fein und ließ den anderen erzählen. Auch er stammte aus dem Dorf und konnte sich noch gut daran erinnern, dass der junge Bauer bei Kriegsbeginn zum Militär eingezogen worden war und schon wenige Jahre später als verschollen galt.
Vermisst stand in dem amtlichen Schreiben, das im Dorf angekommen und seiner Familie vom Bürgermeister ausgehändigt worden war.
Als die beiden nächtlichen Schlitteninsassen das Dorf erreichten, stieg der fremde Fahrgast aus und bedankte sich herzlich für das Mitnehmen. Er wollte die letzten Schritte seiner Heimkehr allein und zu Fuß machen.
Und dann stand er vor dem Haus, in dem er seine Jugend verbracht, seine junge Frau heimgeführt und seine Kinder zur Welt kommen gesehen hatte.
Und wieder kam die Furcht in ihm hoch. Doch es schien alles noch so, wie er es vor langer Zeit verlassen hatte: das Haus, die Scheune, der Stall und der hölzerne Gartenzaun, der in jedem Jahr neu gestrichen werden musste.
Aus den Fenstern neben der Eingangstür fiel ein mildes Licht und beleuchtete den Weg zwischen Gartentür und Haus. Aus dem Schornstein quoll der Rauch des Kaminfeuers.
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