Deutsche Dichter & Denker

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Stimme der Heimat

Stimme der Heimat

Ich stand allein in heißem Ringen
und weinte leis in schöner Nacht —
Da kam ein märchenhaftes Klingen
vom Alpsee in der Vollmondpracht.

Es sprachen tausend Silberwellen
zu meinem Herzen sanft und traut,
die rieselschnellen Silberquellen
der Wasserfälle sangen laut;

Der hohen Berge tiefe Wälder
umrauschten mich mit zartem Lied,
und fern des ebnen Landes Felder
erklangen, silberweiß umblüht.

Und was da flüsterte und rauschte
war wie ein Gruß auf Wiedersehn!
Ich fühlte zärtlich, da ich lauschte:
mein Heimatland, wie bist du schön!

Will mein die Macht sich nicht erbarmen,
die meines Schicksals Fäden spinnt?
Laß, Heimat, mich in deinen Armen!
O Heimat, halte fest dein Kind!

Da hüllte sich der Mond in Schleier,
es wurde grau das reine Licht —
doch meine Tränen flossen freier.
Und leichter schien mir jede Pflicht!


Jahr: 1877-1906