Weihnachtsgeschichte aus einer schwerer Zeit
Eine kleine Dienstreise mit Feldwebel Witt ging zu Ende. Ich hatte Dänemark erlebt, Skanderborg, Silkeborg, Vojens und Hadersleben. Am 21. Dezember trafen wir in Hornbæk ein.
Überall rüstet man zum Weihnachtsfest. Auch in meiner Kompanie in Sandagerhus herrscht vorweihnachtliches Treiben. Weihenacht steht vor der Tür, dennoch weiß niemand so recht, wie das Fest gefeiert wird. Man rätselt.
Der Weihnachtsabend ist da, in der Küche ist Hochbetrieb, doch es fehlt das weihnachtliche Flair.
Eigenartig.
18 Uhr, die Kompanie tritt an. Am Weihestein, wie wir ihn nennen, brennt für die toten Kameraden eine große Schale mit lodernden Flammen.
Da ertönt das Kommando Stillgestanden, rechts um, im Gleichschritt Marsch!
Weihnachtsabend, und wir marschieren. Keiner weiß, wohin uns der Weg führt.
Kein Lied, nur der Gleichschritt der Kameraden verhallt. Man biegt von der Straße ab, es geht in den Wald hinein, der zwischen der Unterkunft Sandagerhus und dem Meer zwischen Dänemark und Schweden liegt.
Eine Waldlichtung ist unser Ziel. Eine große, stolze Tanne auf dieser Lichtung. Um diese Tanne gruppieren wir uns. Ringsum Stille, nur ab und zu ein feines Säuseln des Windes, der vom Meer herüberweht.
Da erklingt das Lied der stillen, der heiligen Nacht. Ein Schauer läuft über den Rücken – der Gesang, der Ort, die hohe Tanne, wie in einem Märchenwald, und ab und zu vernimmt man das Rauschen des Meeres. Stille Nacht, Heilige Nacht!
Ein Kamerad tritt aus der Reihe und geht auf die Tanne zu. In der Hand trägt er ein offenes Licht. Er entzündet am Baum eine Kerze. Seine wohl klingende Stimme ertönt:
Die Kerze soll brennen für unsere Lieben daheim!
Ein zweiter Kamerad tritt an den Baum und entzündet ebenfalls eine Kerze.
Sie soll brennen für die Frauen, die Kinder, die Mütter, Väter und Geschwister, für all unsere Angehörigen!
Einem anderen Kameraden wird das Licht übergeben, und wir vernehmen:
Die Kerze brenne für unsere Heimat!
In der Folge treten noch viele Soldaten an den Baum, und immer hat die neu entzündete Kerze die Aufgabe, uns zu erinnern – an die Kameraden an der Front, an die Verwundeten, an die Kameraden, die in Gefangenschaft geraten sind, an die Menschen, die uns zur Seite stehen, an die Schwestern und Ärzte in den Lazaretten; auch die toten Kameraden sind nicht vergessen!
Man spürt das Betroffensein der Kameraden. Stille, tiefe heilige Stille spürt man, und sicher hat der eine oder andere der Soldaten eine Träne in den Augen. Doch dann wird die Stille unterbrochen durch eine kräftige Stimme:
Der Baum brenne im Glanz all seiner Lichter für unsere geliebte Heimat, Deutschland!
Die hohe Tanne steht nun im vollen Lichterglanz. Elektrische Birnen hat man montiert, die uns den Glanz eines einmalig schönen Weihnachtsbaums im Wald vermitteln. Der feierliche Moment rührt an die Herzen, zumal ein Windhauch vom Meer durch die Äste weht und es ist, als verneigten sich die umstehenden Bäume vor diesem hell erleuchteten Weihnachtsbaum.
Es folgen Gedichte, Lesung und die Ansprache des Kompaniechefs.
Die Feierstunde, ein einmaliges Erlebnis, endet mit dem Lied Hohe Nacht der klaren Sterne.
Wir kehren zur Unterkunft zurück. Immer noch feierliche Stille bei den Soldaten, die dem Haus zustreben. Im großen Festsaal erleben wir das zweite Wunder dieses Tages. An einer langen Tafel nehmen wir Platz zum Festmahl, das nichts entbehrt.
Strahlende Augen bei allen, die Post erhalten. Man hat sie wohl einige Tage liegen lassen, um eine Freude am Weihnachtsabend zu machen!
Deutsche Dichter & Denker
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