Jeder trug etwas bei zum Fest: Der nette Herr M. war lange mit dem Rad hinter einem Rübenwagen hergefahren, bis endlich eine Rübe herunterfiel, die er meiner Mutter feierlich überreichte. Der Nachbar brachte zwei seiner geschnitzten Löffel, unser Milchmann füllte etwas mehr Milch in die Kanne, die Kaufmannsfrau spendete ein Stück Einheitsseife, und unser Apotheker steckte meiner Mutter Formamint- Tabletten zu. Die waren eigentlich gegen Halzschmerzen gedacht, wurden von uns aber gern als süße Lutschbonbons verzehrt. Ich hatte Glück und entdeckte in einer Buchhandlung Andersens Märchen. Nun war es soweit! Der Baum stand in einem alten Wagenrad, geschmückt mit den Strohsternen, dem braunen Gebäck, Kerzenresten aus vergangenen Jahren und den Märchenfiguren, die wir im Krieg für das Winterhilfswerk verkauft hatten. So wirkte unser Weihnachtsbaum in seiner Schlichtheit feierlich und schön. Das kleine Zimmer füllte sich langsam. Alle Hausbewohner waren erschienen, um gemeinsam das erste Weihnachten im Frieden zu feiern. Ein seltsames Gefühl: Dankbarkeit, wieder zu Hause zu sein, mit den Heimatvertriebenen zu fühlen und Sehnsucht zu spüren nach Licht und Freude. Plötzlich ein Klopfen an der Tür! Ich öffnete. Ein junger Soldat trat ins Haus, der Sohn des Herrn M. – er kam aus einem Internierungslager. Nun war er in unserem Kreis, und das war eine große Weihnachtsfreude. Wir fassten uns an den Händen, sangen die alten Lieder und konnten die Tränen nicht zurückhalten. Dann fand meine Mutter ein paar aufmunternde Worte und bat zu Tisch. Was wir gegessen und getrunken haben, weiß ich nicht mehr, die geschenkte Rübe war aber sicher dabei. Die Stühle reichten nicht, und so holten wir Wehrmachtshocker aus der Küche. Soldaten einer Sperrballonstellung hatten sie uns bei Kriegsende geschenkt. Ich hatte sie leuchtend rot angestrichen, und mit ihrer Farbe verschönten sie das Weihnachtszimmer. Nach dem Essen nahm ich mein neues Märchenbuch und las Die Geschichte vom Tannenbaum. Am Abend, als meine Mutter und ich ins Bett gehen wollten, hockten zwei Feldmäuschen im Baum und freuten sich über die Wasserkringel. Die schlimme Kälte hatte sie ins Haus getrieben. Dieser Weihnachtsabend im Jahr 1945 bleibt unvergessen. Kurz und bescheiden war das Fest, aber dennoch spürte man Hoffnung und Zuversicht. Ich wollte, ich könnte meiner Mutter noch einmal danke sagen!
Jahr: 1945