1945 kehrte ich aus dem Kriegseinsatz in meine Heimatstadt Rendsburg in Schleswig-Holstein zurück. Ich diente als RAD-Flakhelferin (Reichsarbeitsdienst) in Hannover und Greifswald. In Hannover waren 70 Kameradinnen einem gezielten Bombenangriff zum Opfer gefallen. Dieses grauenvolle Erlebnis werde ich nie vergessen. Aber nun war ich bei meiner Mutter und unser Häuschen war unversehrt geblieben. Bevor ich zu meiner Weihnachtsgeschichte komme, möchte ich noch einiges erzählen: Das kleine Haus war voller Menschen, Flüchtlinge aus dem Osten, keine Zwangszuweisungen, nein, meine Mutter nahm alle auf, die in Not waren. Sie selbst schlief auf einem alten Sofa unter der Dachschräge. Viele Namen und Gesichter habe ich vergessen, es war ein Kommen und Gehen. Ich weiß aber, dass eine Mutter mit ihrem kleinen Kind bei uns wohnte, ebenfalls ein netter Herr M. mittleren Alters, und in der Werkstatt meines verstorbenen Vaters hatten wir einen älteren Opernsänger untergebracht. Ich habe das Ausmaß der Not der Heimatvertriebenen damals nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst Ich war zu Hause, die Mitbewohner waren nett, manchmal sogar fröhlich, und meine Mutter hielt alles zusammen mit ihrem Humor und ihrer Güte. In der Küche kochten wir abwechselnd auf der Kochhexe. Wir sammelten Holz, standen beim Schlachter an, um eine Kanne Brühe zu bekommen, nähten Kleider aus Gardinen, Mäntel aus Decken und pflückten Schafwolle von den Zäunen. Wir aßen oft Brotsuppe, und manchmal stand am Sonntag eine Kaffeetorte auf dem Tisch, gebacken aus Mehl, Magermilch und Kaffee-Ersatz. In meinem Schulkochbuch gab es einige wohlschmeckende Kriegsrezepte, dazu fehlten aber die Zutaten. Das Fallobst aus unserem Garten verarbeiteten wir gemeinsam zu Apfelringen, die wir zum Trocknen auf eine Leine zogen. Es war beim schwachen Schein der Haushaltskerzen fast gemütlich. Einige der Flüchtlinge fanden Angehörige und verließen uns. Unser Nachbar schnitzte Holzlöffel und Wäscheklammern und baute Stahlhelme um zu Sieben und Kochtöpfen. Wer geschickt war, konnte aus Binsen Hausschuhe flechten und aus aufgeräufelten Baumwolldecken Kniestrümpfe stricken. Ich bastelte Holzspielzeug, da meine Mutter eine lange Zeit keinen Rente bekam. Auch Puppenköpfe schnitzte ich, und meine Mutter und die Flüchtlingsfrauen nähten Körper und Kleider für die Puppen. Dafür bekam ich etwas Geld oder Eier und einen Topf Milch. Unsere alte geliebte Kaffeemühle brachte ich in die Tauschzentrale und erhielt dafür Sägeblätter, die ich dringend für meine Werkarbeit benötigte. Im Nachbardorf Westerrönfeld gründeten wir bald eine Gymnastik- und Volkstanzgruppe. Wir jungen Menschen brauchten Frohsinn und Beschäftigung in der Gemeinschaft. In unserer Sportgruppe fanden nun Flüchtlinge und Einheimische zusammen. Es entstanden Freundschaften, die heute noch Gültigkeit haben. Nach den Zusammenkünften, es gab auch einen Singkreis, schlichen wir gebückt über die Heide. Die Besatzer hatten Sperrstunde verhängt. Beim Kanalmeister durfte ich ab und zu, ebenfalls gebückt, einen Handwagen voll Kohlen abholen. Das war ein wunderbares Geschenk für uns alle. Inzwischen wohnte eine Familie mit einem kleinen Jungen bei uns. Er freute sich, wenn ich mit ihm spielte, ihm Märchen vorlas oder ihn auf dem Schlitten über die Heide zog. Die Weihnachtszeit kam nun heran. Es herrschte bittere Kälte, kaum Brennmaterial war im Haus, unsere Pumpe eingefroren, und an den Fenstern blühten Eisblumen, die heute wohl kein Kind mehr kennt. Heimlich schleppten wir aus dem Wilden Moor einen Tannenbaum herbei und stellten ihn in das einzige warme Zimmer. Dort wollten alle am Weihnachtsabend zusammenkommen. Ich bastelte Strohsterne und buk Kringel, Brezel und andere Figuren aus Wasserteig für den Baum.
Jahr: 1945