-Teil 2-
Nach meiner Rückkehr konnte ich seine Eltern benachrichtigen.
Nach der Ankunft in Frankfurt wurde unser Elendshäuflein, viele hatten nur Fußlappen an den Füßen, zum Entlassungslager geführt.
Einige waren so schwach, dass sie mit Lastwagen geholt werden mussten.
Frauen gingen an uns mit mitleidsvollen Blicken vorbei, sie hatten Tannenbäumchen unter dem Arm.
Wir alle hofften, an Weihnachten zu Hause zu sein.
Nach der Entlassung wurde bekannt gegeben, daß zur Zeit keine Züge von hier wegführen.
Wer sich kräftig fühle, ein paar Kilometer zu gehen, könne noch einen Güterzug erreichen.
Auch ich trat vor, besann mich aber wieder und trat zu den Nichtmarschierenden zurück.
Die Marschierer zogen ab.
Später erfuhren wir, dass sie in den sumpfigen Oderbruch geschickt wurden, wo sie Holzarbeiten zu verrichten hatten.
Dies geschah zwei Tage vor dem Weihnachtsfest.
Am Abend des 24. Dezember 1945 wurden wir aus dem Lager und somit aus russischer Gefangenschaft entlassen.
Ein eisiger Wind pfiff uns durch die dürftige Kleidung.
Schmutzig, mit Holzpantoffeln oder Fußlappen an den Füßen, versuchten wir den Güterzug zu erreichen.
Das war also der Heilige Abend 1945.
Als wir hinter erleuchteten Fenstern Weihnachtsmelodien hörten, wurde uns das Herz recht schwer.
Alle dachten an daheim, wo wir als vermisst galten.
Am Weihnachtsmorgen erreichten wir mit einem Güterzug Berlin-Rummelsburg.
Überall feiertäglich gekleidete Menschen.
Man bestaunte uns und steckte uns Zigaretten und Gebäck zu.
In einem Flüchtlingslager aßen wir am ersten Weihnachtstag zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Salzkartoffeln.
Wir vier aus der französischen Zone – alle anderen hatten sich in Berlin zerstreut – wurden von einer Rot-Kreuz-Schwester zu einer abendlichen Weihnachtsfeier geführt.
Wir glattgeschorenen Ehrengäste saßen in der ersten Reihe und zogen die Blicke auf uns.
Wir hatten gehofft, an Weihnachten daheim zu sein.
Ich dachte an meine Eltern.
Mein Nebenmann weinte leise, als Weihnachtslieder gesungen wurden.
Wir waren glücklich und froh, die Elendszeit der Gefangenschaft hinter uns zu haben.
Jedes Jahr zur Weihnachtszeit denke ich mit großer Dankbarkeit an die Weihnacht 1945 in Berlin zurück!
Jahr: 1945