Eines geht mich an und eines weiß ich, das ich das meine tun und eher untergehen soll, als mich einer fremden Macht blind ergeben.
Die Vorsehung geht mit dem All der Dinge und mit dem Menschengeschlechte ihren ewig dunklen Weg, den ich nimmer verstehen werde.
Aber auch in meine Hand ist eine Vorsehung gegeben:
Wenn ich für das Allgemeine empfinde, handle, strebe, so fühle ich auch in mir – wie klein oder groß ich sei – eine Kraft, welche das Weltschicksal ändern kann!
Deutsche Dichter & Denker
Der Denker sagt das Sein, der Dichter das Heilige! https://t.me/deutschedichter
Sie erzählen schon seit Jahren,
alle Menschen müssen sparen.
Doch sie sparen ohne Schranken
nur bei Armen, Kindern, Kranken,
bei den Kleinen, der Kultur,
immer die bekannte Tour.
Spart mal an Parteiengeldern
und an Managementgehältern.
Spart am großen Kriegsgerät,
das uns nur im Wege steht.
Spart an Direktorenposten
und an den Verwaltungskosten.
Spart an Staatspräsentationen
und an Luxus-Staatspensionen.
Spart euch jede Heuchelei,
spart ihr selber nicht dabei!
Wärme mir einer das verdroschene Märchen von Redlichkeit auf,
wenn der Bankerott eines Taugenichts und die Brunst eines Wollüstlings das Glück eines Staats entscheiden!
Deutschen sind so alte Leute,
Lernen doch erst reden heute.
Wann sie lernen doch auch wolten,
Wie recht deutsch sie handeln solten!
Jahr: 1605-1655
Tischsprüche
Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat,
Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung:
Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß.
Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen,
An denen Zufall und Gewohnheit führt,
Und aus dem Kreise dunkler Fügung treten,
Sein eig'ner Schöpfer, zeichnen sich sein Los,
Das ist's, wogegen alles sich empört,
Was in dem Menschen eignet dieser Erde
Und aus Vergang'nem eine Zukunft baut!
Der Zweck der Moral ist, auf einer Höhe anzukommen, wo die Sinnlichkeit so erzogen ist, daß sie diesen Pflichten von selbst sich fügt, auf einer Höhe, wo das Gute zur Neigung wird, Sittengesetz und natürliche Lust übereinstimmen.
Das ist Tugend!
Einen Felsen,
der mir im Wege steht,
umgehe ich so lange,
bis ich Pulver genug habe,
ihn zu sprengen.
Die Gesetze umgehe ich,
bis ich Kraft gesammelt habe,
sie zu stürzen!
Unbekannt
Schneebedeckt schläft alle Welt,
das Sonnenlicht möcht wärmen.
Glitzerschön ein Baum am Feld
er träumt von Frühlingsfernen.
Es ist still auf meinem Gang;
ein kahler Strauch am Wege
erstarret einen Winter lang,
am ewig ruhend Stege.
Darunter graues Wasser rinnt
ganz schüchtern grad entlang,
bis wieder Frühlingsluft gewinnt,
mit Duft und Quellgesang!
Wer Weisheit nur aus Büchern lernt
Und selbst nicht weise denkt und lebt,
Wird immer mehr von ihr entfernt,
Je mehr er ihr zu nahen strebt.
Das Leben soll die Erde sein,
darin die Weisheit Wurzeln schlägt,
Und pflanzt ihr hier den Kern nicht ein,
Wächst auch kein Baum, der Früchte trägt!
Jahr: 1819 – 1892
Beleget den Fuß
Mit Banden und mit Ketten
Dass von Verdruss
Er sich kann nicht retten,
So wirken die Sinnen,
Die dennoch durchdringen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!
Stets trotzen wird ein Stein der Flut,
Ein Baum im Wind wird ewig rauschen:
So folg' auch du dem eignen Mut,
Mit keinem Andern kannst du tauschen:
Was stets sich fremd, was nie sich gleich,
Wie sollte dem der Gleiche gelten?
Darfst du den zarten Busen weich,
Darfst du den harten grausam schelten?
Gesetze sprechen über dich,
Doch läßt Natur sie bald vergessen,
Trägt jeder nicht sein Maß in sich,
Und dürft ihr ihn mit eurem messen?
Was innerlich du bist und hast,
Nach außen wird sich's frei bewegen;
Kein Zaudern hilft und keine Hast,
Du gehst dir ewig selbst entgegen!
Tischsprüche
Ein gut Gedicht ist wie ein schöner Traum,
Es zieht dich in sich, und du merkst es kaum;
Es trägt dich mühlos fort durch Raum und Zeit,
Du schaust und trinkst im Schaun Vergessenheit,
Und, gleich als hättest du im Schlaf geruht,
Steigst du erfrischt aus seiner klaren Flut!
Mäuslein, Mäuslein, laß dir raten!
Sieben schreckliche Soldaten
stehn bewaffnet auf der Lauer
an der Treppe bei der Mauer -
Ach, wenn die dich sehen
ist's um dich geschehen!
Liese fängt dich mit dem Hute,
Hansel haut dich mit der Rute,
platschenaß begießt dich Anne
aus der großen grünen Kanne -
und in Peters Hand
droht ein Topf voll Sand!
Friedel hackt dich mit der Harke,
Nachbars Max, der große, starke,
mit dem Federhut am Schopfe,
steht schon beinah auf dem Kopfe. -
Such ein Löchlein auf,
lauf, mein Mäuslein, lauf!
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb und Treu
Wie ein böses Unkraut ausgerauft!
Weihrauchduft
zieht durch die Zimmer –
die Rauhnacht weht vorbei ...
die Kerzen sind erloschen.
Bis auf die zwei,
die vor dem Fenster
unsren Toten hell den Weg
in unsre Nähe weisen,
und die sie wissen lassen,
daß sie noch ganz bei uns.
Gedanken reisen
in die Anderswelt;
der Mond ist groß und voll
und grüßt versonnen
den, der da Andacht hält.
O stille Nacht.
In deinen Armen
verliert sich unser ganzes Sein,
versinkt das Streben,
wird alles Erdenleben
bedeutungslos,
gering und klein!
Wettergegerbt, in der Sonne gebrannt,
ruppig und struppig, verwegen,
knotig und kotig im Lumpengewand,
trotze ich Wetter und Regen.
Hab weder Heimat noch Weib oder Kind,
kenne nicht Sorgen noch Streben;
durch meine Hose da pfeifet der Wind,
doch so gefällt mir das Leben.
Düstere Sturmwolken jagen dahin;
mächtig die Eichbäume rauschen.
Ach, satter Bürger am warmen Kamin,
nimmer möcht' ich mit dir tauschen.
Laut knurrt mein Magen, kalt bläst der Nordost,
daß meine Knochen erbeben;
frage vergebens nach Schlafstatt und Kost;
doch so gefällt mir das Leben.
Stolz zieh' ich über die Landstraße hin,
wer mir auch immer begegnet.
Herr, habe Dank, daß ich bin wie ich bin.
Herrgott, du hast mich gesegnet!
Sieht mich der Pfaffe, bekreuzigt er sich,
möcht mich dem Pfuhl übergeben,
hetzet der Bauer die Hunde auf mich,
doch so gefällt mir das Leben.
Keiner ist Meer,
ist nur Tropfen, nur Schaum;
keiner ist Wald,
ein jeder nur Baum;
keiner ist Flamme,
ein jeder nur Schein;
keiner ist Mauer,
doch jeder ein Stein.
Keiner ist Sturm,
und keiner ist Flut,
ein jeder ist Scheit
und Gut in der Glut:
ein jeder ist Klang nur,
keiner ist Lied.
Doch jeder ist Hammer
und jeder ist Schmied.
Jeder ist
in der endlosen Kette
ein Glied!
Thor stand am Mitternachts-Ende der Welt:
Die Streitaxt warf er, die schwere:
So weit der sausende Hammer fällt,
Sind mein das Land und die Meere!
Und es flog der Hammer aus seiner Hand,
Flog über die ganze Erde,
Fiel nieder an fernsten Südens Rand,
Dass alles sein eigen werde.
Seitdem ist es freudig Germanenrecht,
Mit dem Hammer Land zu erwerben:
Wir sind von des Hammer-Gottes Geschlecht
Und wollen sein Weltreich erben!
Von Schicksalsnornen auserkoren
und in das junge Jahr geboren
bist du Teil von beiden Teilen
derer, die auf Erden weilen.
Doch auch, die kommen und die waren
froh in Wiegen, stumm auf Bahren,
die einst werden, die noch sterben:
Sie sind Eltern! Sie sind Erben!
Wie der Ahnen weiter Bogen
auf des Lebens stillen Wogen
sollst auch du im Gang der Zeiten
der Geschlechter Weg bereiten.
Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen!
Jahr: 1832 – 1908
Tischsprüche
Und wieder hier draussen ein neues Jahr,
Was werden die Tage bringen?
Wirds werden, wie es immer war,
halb scheitern, halb gelingen?
Wirds fördern das, worauf ich gebaut,
oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch' ich nicht zu sterben.
Ich möchte noch wieder im Vaterland
die Gläser klingen lassen
und wieder noch des Freundes Hand
im Einverständnis fassen.
Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
und atmen eine Weile,
denn um im Grabe auszuruhn,
hat's nimmer Not und Eile.
Ich möchte leben, bis all dies Glühn
rücklässt einen leuchtenden Funken
und nicht vergeht wie die Flamm im Kamin,
die eben zu Asche gesunken!
Letzter Tag des Jahres, du Bild des letzten Lebens!
Lehr, o lehre mich, daß nicht mein Leben einst sei gefloh'n und verschwunden wie das verschwundene Jahr!
Weißer Reif an allen Zweigen,
Schwarze Krähen in der Luft –
Priesterworte – Häupter neigen
Weinend sich auf eine Gruft.
Hoch mein Haupt, kalt die Gebärde,
Angst und Trauer – keine Spur:
Aus der Erde – in die Erde:
Alte Mode der Natur.
Priesterworte: »Demut, Liebe,
Himmelswonne nach dem Tod!« –
Wahrheit: wilde Liebestriebe,
Neid und Haß und Kampf um Brot!
Weiterwandern, Schluchzen, Klagen
Klingt verhallend übers Brach.
Hundert schwarze Krähen jagen
Einem kranken Hasen nach.
Todesangstschrei. Fortzutreiben
Seine Peiniger – Verkehrt!
Immer wird das Opfer bleiben,
Wer sich seiner Haut nicht wehrt.
Ich auch habe keine Freunde,
Auch nach mir hackt mancher Schlag,
Nicht die Liebe – meine Feinde
Halten meine Tatkraft wach.
Doch ist Mut in meinen Armen,
Geist und Wille riesengleich –
Platz! – und hofft auf kein Erbarmen,
Weg frei! sonst zertret' ich euch.
Jahr: 1889
Nun führen die Sterne
Herauf ihren Reigen,
Die Wälder schon schweigen
Und nirgends ein Laut;
Wohl schaute ich gerne
Hier unter den Bäumen
Was leis wie in Träumen
Die Nacht mir vertraut.
Wohl leg' ich zu lauschen
Das Ohr auf den Rasen,
Was hör' ich da blasen?
Ein Waldhorn? bei Nacht?
Und weiter ein Rauschen,
Ein Bellen und Knallen,
Ein Schuß ist gefallen,
Es nahet die Jagd.
Da kommt sie gezogen
Durch's Wolkengefilde.
Der Jäger, der wilde,
Hoch vorne zu Roß,
Dahinter mit Bogen
Und andern Geschossen
Der rüden Genossen
Nachsprengender Troß.
Die Sterne vermögen
Herab nicht zu schauen
Auf's höllische Grauen
Der teuflischen Jagd,
Bis daß sich verzögen
Die nächtlichen Schaaren,
Verhüll'n sie die klaren
Gesichter der Nacht.
Laut schallt es im Forste
Von Hussa und Blasen,
Die Hirsch' auf dem Rasen,
Die Reh' in der Kluft
Die Adler im Horste
Aufscheucht das Getöse:
Der Jäger, der böse,
Durchbirschet die Luft.
Doch bald in die Ferne
Verzieht sich das Wetter,
Der Hörner Geschmetter
Allmählig verhallt,
Bald zeigen die Sterne,
Die hellen, sich wieder,
Still blicket hernieder
Der Mond auf den Wald.
Jahr: 1816-1870
Das war ein arger Winter,
Ein Winter, wie er schlimmer nicht sein kann;
Die Flocken fielen dicht und dicht,
Und überzogen Berg und Tal mit weißem Kleid.
Ich sah den Rhein, den alten,
Wie er gefroren dalag, starr und kalt;
Die Schiffe lagen festgefroren,
Und ringsum war es still und öd.
Doch in den Herzen brannte
Ein Feuer, das nicht zu ersticken war;
Die Freiheit rief, und jeder hörte,
Und jeder wollte frei und froh sein Jahr.
Ich ging durch deutsche Lande,
Durchs schöne deutsche Land, das ich so lieb;
Und überall, wo ich auch stande,
Da sah ich deutsche Herzen froh und kühn.
Die Freiheit, die wir erstreben,
Die wird uns niemand nehmen, niemals nicht;
Wir wollen frei sein, wollen leben,
Und unser Land soll frei und glücklich sein.
Jahr: 1844
So mag das alte Jahr denn schwinden,
Vergessen sei manch bitt'res Leid;
Das neue soll uns muthig finden,
Zum Kampf des Lebens stets bereit.
Und alles Bangen, Fürchten, Zagen,
Das uns das alte Jahr vermacht:
Wir woll'n es nicht in's neue tragen,
Das freundlich uns entgegen lacht.
Drum froh hinaus! die Bahn ist offen!
Nur festen Muth! und Glauben! Hoffen!
Du liebe Mensch,
i glaub du kennsch
das starke Verlange
öbis neu's azfange.
Doch gaht es dir wie vielne Lüt.
öbis andersch mache - nur nit hüt.
Vellicht de Morn, du weisch 's no nit,
uf jede Fall nimmsch du dir Ziit.
Denn denksch am End vom alte Jahr,
im neue Jahr mach i 's de Wahr.
Und so sich z' ändre wird verschobe
du denksch es isch no nit ufghobe.
Und irgend wenn denksch du s' isch z' spat
und weisch grad nüm wie 's wieter gaht.
Du laufsch im Trott mit vielne mit
und nimmsch für dich viel z'wenig Ziit.
Denn denksch mis Lebe isch doch schitter,
e so chumm i nit wirkli wieter.
Drum möchtisch vieles andersch ha
und alles fangt vo vorne a.
Doch liebe Mensch es liet a dir,
dr ander cha doch nüt derfir
wenn 's nit tuesch wage
und nur immer klage.
Es brucht halt scho es bizli Muet.
muesch immer si ganz uf dr Huet,
und vieli, vieli Sache
halt endli selber mache.
So wird dis Lebe zumene erlebe,
und du wirsch chönne zfriede werde.
Drum wünsch i dir viel muet und chraft,
dich selber z' befreie us dinere Haft.
Jahr: 2022
@deutschedichter
Das deutsche Wesen ist noch gar nicht da, es muss erst werden;
Es muss irgendwann einmal herausgeboren werden, damit es vor allem sichtbar und ehrlich vor sich selber sei.
Aber jede Geburt ist schmerzlich und gewaltsam!
Es wächst viel Brot in der Winternacht,
weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;
erst wenn im Lenze die Sonne lacht,
spürst du, was Gutes der Winter tat.
Und deucht die Welt dir öd und leer,
und sind die Tage dir rauh und schwer:
Sei still und habe des Wandels acht
es wächst viel Brot in der Winternacht!
Jahr: 1813 - 1894
Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt,
der ist nicht tot, er ist nur fern;
tot ist - wer vergessen ist!
Es war bitterkalt im Dezember 1941 und wir sollten mit Lastwagen an einen Frontabschnitt verlegt werden. Früh um 6 Uhr ging es mit sechs Lastwagen los. Die grimmige Kälte wurde für uns immer schlimmer, wir lagen auf Stroh und hatten nur Decken – keine Heizung. Es fehlte auch an Wintersachen. Nach sechsstündiger Fahrt setzte der Motor unseres Wagens aus, wir standen im Wald, mitten auf der Rollbahn. Die anderen setzten ihre Fahrt fort. Nur der Lkw-Fahrer unseres Kompanie-Chefs hielt an und fragte unseren Fahrer, was los sei. Dieser sagte, dass der Motor keinen Sprit mehr bekäme und er deswegen anhalten musste. Man untersuchte die Fehlerquelle und stellte fest, dass die Benzinrohrleitung an zwei Stellen abgerissen war.
Jahr: 1941/42
Die Nächte hoch im Norden
Sind tief und nebelschwer.
An Schiffes hohen Borden
Ist alles eisig worden
Wohl über dem fremden Meer.
Die Nächte weit im Osten
Ersticken schier im Schnee.
Versteckte Feuer glosten.
Dem weltenfernen Posten
Begegnet im Wald ein Reh.
Im Süden stehn die Sterne
Wie Speere spitz und kalt.
Die Schar an der Zisterne
Träumt fiebernd in die Ferne
Vom rauschenden Tannenwald.
Im Westen sind die Nächte
Von Lärm und Licht durchloht.
Wie eine schwere Wächte
Schwelt noch nach dem Gefechte
Der Himmel brandig rot.
Du Land der Mitte zünde
Die Weihnachtslichter an,
Strahl in die fernsten Gründe
Der harschen Welt und künde
Die heiligen Nächte an!
Und ob auch noch so erzen
Der Krieg die Nacht durchgellt.
In allen deutschen Herzen
Sind heimathell die Kerzen
Der Weihnacht aufgestellt!
Jeder trug etwas bei zum Fest: Der nette Herr M. war lange mit dem Rad hinter einem Rübenwagen hergefahren, bis endlich eine Rübe herunterfiel, die er meiner Mutter feierlich überreichte. Der Nachbar brachte zwei seiner geschnitzten Löffel, unser Milchmann füllte etwas mehr Milch in die Kanne, die Kaufmannsfrau spendete ein Stück Einheitsseife, und unser Apotheker steckte meiner Mutter Formamint- Tabletten zu. Die waren eigentlich gegen Halzschmerzen gedacht, wurden von uns aber gern als süße Lutschbonbons verzehrt. Ich hatte Glück und entdeckte in einer Buchhandlung Andersens Märchen. Nun war es soweit! Der Baum stand in einem alten Wagenrad, geschmückt mit den Strohsternen, dem braunen Gebäck, Kerzenresten aus vergangenen Jahren und den Märchenfiguren, die wir im Krieg für das Winterhilfswerk verkauft hatten. So wirkte unser Weihnachtsbaum in seiner Schlichtheit feierlich und schön. Das kleine Zimmer füllte sich langsam. Alle Hausbewohner waren erschienen, um gemeinsam das erste Weihnachten im Frieden zu feiern. Ein seltsames Gefühl: Dankbarkeit, wieder zu Hause zu sein, mit den Heimatvertriebenen zu fühlen und Sehnsucht zu spüren nach Licht und Freude. Plötzlich ein Klopfen an der Tür! Ich öffnete. Ein junger Soldat trat ins Haus, der Sohn des Herrn M. – er kam aus einem Internierungslager. Nun war er in unserem Kreis, und das war eine große Weihnachtsfreude. Wir fassten uns an den Händen, sangen die alten Lieder und konnten die Tränen nicht zurückhalten. Dann fand meine Mutter ein paar aufmunternde Worte und bat zu Tisch. Was wir gegessen und getrunken haben, weiß ich nicht mehr, die geschenkte Rübe war aber sicher dabei. Die Stühle reichten nicht, und so holten wir Wehrmachtshocker aus der Küche. Soldaten einer Sperrballonstellung hatten sie uns bei Kriegsende geschenkt. Ich hatte sie leuchtend rot angestrichen, und mit ihrer Farbe verschönten sie das Weihnachtszimmer. Nach dem Essen nahm ich mein neues Märchenbuch und las Die Geschichte vom Tannenbaum. Am Abend, als meine Mutter und ich ins Bett gehen wollten, hockten zwei Feldmäuschen im Baum und freuten sich über die Wasserkringel. Die schlimme Kälte hatte sie ins Haus getrieben. Dieser Weihnachtsabend im Jahr 1945 bleibt unvergessen. Kurz und bescheiden war das Fest, aber dennoch spürte man Hoffnung und Zuversicht. Ich wollte, ich könnte meiner Mutter noch einmal danke sagen!
Jahr: 1945
1945 kehrte ich aus dem Kriegseinsatz in meine Heimatstadt Rendsburg in Schleswig-Holstein zurück. Ich diente als RAD-Flakhelferin (Reichsarbeitsdienst) in Hannover und Greifswald. In Hannover waren 70 Kameradinnen einem gezielten Bombenangriff zum Opfer gefallen. Dieses grauenvolle Erlebnis werde ich nie vergessen. Aber nun war ich bei meiner Mutter und unser Häuschen war unversehrt geblieben. Bevor ich zu meiner Weihnachtsgeschichte komme, möchte ich noch einiges erzählen: Das kleine Haus war voller Menschen, Flüchtlinge aus dem Osten, keine Zwangszuweisungen, nein, meine Mutter nahm alle auf, die in Not waren. Sie selbst schlief auf einem alten Sofa unter der Dachschräge. Viele Namen und Gesichter habe ich vergessen, es war ein Kommen und Gehen. Ich weiß aber, dass eine Mutter mit ihrem kleinen Kind bei uns wohnte, ebenfalls ein netter Herr M. mittleren Alters, und in der Werkstatt meines verstorbenen Vaters hatten wir einen älteren Opernsänger untergebracht. Ich habe das Ausmaß der Not der Heimatvertriebenen damals nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst Ich war zu Hause, die Mitbewohner waren nett, manchmal sogar fröhlich, und meine Mutter hielt alles zusammen mit ihrem Humor und ihrer Güte. In der Küche kochten wir abwechselnd auf der Kochhexe. Wir sammelten Holz, standen beim Schlachter an, um eine Kanne Brühe zu bekommen, nähten Kleider aus Gardinen, Mäntel aus Decken und pflückten Schafwolle von den Zäunen. Wir aßen oft Brotsuppe, und manchmal stand am Sonntag eine Kaffeetorte auf dem Tisch, gebacken aus Mehl, Magermilch und Kaffee-Ersatz. In meinem Schulkochbuch gab es einige wohlschmeckende Kriegsrezepte, dazu fehlten aber die Zutaten. Das Fallobst aus unserem Garten verarbeiteten wir gemeinsam zu Apfelringen, die wir zum Trocknen auf eine Leine zogen. Es war beim schwachen Schein der Haushaltskerzen fast gemütlich. Einige der Flüchtlinge fanden Angehörige und verließen uns. Unser Nachbar schnitzte Holzlöffel und Wäscheklammern und baute Stahlhelme um zu Sieben und Kochtöpfen. Wer geschickt war, konnte aus Binsen Hausschuhe flechten und aus aufgeräufelten Baumwolldecken Kniestrümpfe stricken. Ich bastelte Holzspielzeug, da meine Mutter eine lange Zeit keinen Rente bekam. Auch Puppenköpfe schnitzte ich, und meine Mutter und die Flüchtlingsfrauen nähten Körper und Kleider für die Puppen. Dafür bekam ich etwas Geld oder Eier und einen Topf Milch. Unsere alte geliebte Kaffeemühle brachte ich in die Tauschzentrale und erhielt dafür Sägeblätter, die ich dringend für meine Werkarbeit benötigte. Im Nachbardorf Westerrönfeld gründeten wir bald eine Gymnastik- und Volkstanzgruppe. Wir jungen Menschen brauchten Frohsinn und Beschäftigung in der Gemeinschaft. In unserer Sportgruppe fanden nun Flüchtlinge und Einheimische zusammen. Es entstanden Freundschaften, die heute noch Gültigkeit haben. Nach den Zusammenkünften, es gab auch einen Singkreis, schlichen wir gebückt über die Heide. Die Besatzer hatten Sperrstunde verhängt. Beim Kanalmeister durfte ich ab und zu, ebenfalls gebückt, einen Handwagen voll Kohlen abholen. Das war ein wunderbares Geschenk für uns alle. Inzwischen wohnte eine Familie mit einem kleinen Jungen bei uns. Er freute sich, wenn ich mit ihm spielte, ihm Märchen vorlas oder ihn auf dem Schlitten über die Heide zog. Die Weihnachtszeit kam nun heran. Es herrschte bittere Kälte, kaum Brennmaterial war im Haus, unsere Pumpe eingefroren, und an den Fenstern blühten Eisblumen, die heute wohl kein Kind mehr kennt. Heimlich schleppten wir aus dem Wilden Moor einen Tannenbaum herbei und stellten ihn in das einzige warme Zimmer. Dort wollten alle am Weihnachtsabend zusammenkommen. Ich bastelte Strohsterne und buk Kringel, Brezel und andere Figuren aus Wasserteig für den Baum.
Jahr: 1945
Tischsprüche
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter.
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
Nein auch im Winter wenn es schneit.
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat schon zur Winterszeit
Ein Baum von dir mich hoch erfreut!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren.
Jahr: 1777-1827, 1780-1861
Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit!
Es bricht das Licht aus Dunkelheit,
ein neues Jahr tritt in die Zeit.
Du sahst als Kind das Weihnachtslicht,
da sprach es was es heute spricht:
Ihr seid wie Blätter nur am Baum
und kommt und träumt den kurzen Traum,
bis ihr vom Winde fortgeweht-
ein and'rer steht dann, wo ihr steht,
wie vor euch dann ein and'rer war-
so läuft es weiter Jahr um Jahr,
und ewig ist nur, daß das Licht
In jedem Jahr die Nacht durchbricht.
Drum öffnet eure Augen weit,
und seid erfüllt in dieser Zeit
Von dem, was in euch wie das Licht
Von eurer deutschen Seele spricht!
Dort, wo das Dorf und die Kirche stand,
aus Trümmern geborgen im Niemandsland,
hoben wir mit letzter wuchtiger Kraft
eine Glocke hoch an einen Gerüsteschaft.
Ein jeder mit klammenden Händen anschwang.
Es dröhnt in der Nacht der bronzene Klang.
Winterwind summt heulend mit im Geleit,
verkündend die Weihnachtsweihezeit.
Sie läutet hinüber für Freund und Feind,
als riefe sie zu : "Seid heute geeint!"
Da hielt der Gefechtslärm den Atem an,
die Glocke von Lushno zog jeden in Bann.
Und sie läutet den Toten im Schneegrab zu,
einen letzten Gruß zur ewigen Ruh.
Dann zerbarst der schwingende Balkenthron,
tief im Schnee verhallt der Glocke dumpfer Ton.
Jahr: 1942
Hienieden ward dem Lenze
Ein kurzes Sein verlieh'n:
Kaum wanden wir uns Kränze,
So ist er schon dahin.
Der Sommer währt nicht lange
Mit seiner Sicheln Schall:
Kaum röthet unsre Wange
Der wärm're Sonnenstrahl.
Bald wird der Himmel trüber,
Die Frucht entfällt dem Baum –
Schon ist der Herbst vorüber,
Wir freuten sein uns kaum.
Nun steigt der Winter nieder
Und schließt des Jahres Reih'n!
Es schweigen alle Lieder.
Er gräbt die Blumen ein.
So eilen unsre Freuden,
So endet alle Lust,
So schwinden auch die Leiden,
Kaum sind wir's uns bewußt!
Jahr: 1798 - 1876
Um die Zeit der Sonnenwende
Ging der Winter auch zu Ende.
Mit dem Frühling wuchs der Tag,
Mit dem Tage wuchs mein Lieben,
Und ich sah in Hof und Hag,
Wie die Zweige Blüten trieben.
Um die Zeit der Sonnenwende
Ging der Sommer auch zu Ende.
Mit dem Winter wuchs die Nacht,
Mit der Nacht wuchs auch mein Lieben,
Denn in meines Herzens Schacht
War es Frühlingstag geblieben!
Wo die Eichen stehen,
Wo die Drosseln singen,
Wo die Winde wehen,
Wo die Quellen springen,
Dort ist meine Heimat,
Dort will ich immer sein,
Wo die Herzen schlagen
Für das Vaterland allein.
Jahr: 1860
Ich stieg, mein Volk, aus Dir wie Halm aus Acker steigt,
Du hast Dich, Heimat mir wie Mutter hold geneigt,
Ich ward – und sieh, Dein Hauch belebte meinen Geist
Ich wuchs in Deiner Haut von Deiner Hand gespeist
Ich durfte dienen Dir, wie Biene dient dem Schwarm,
Das macht mich reich und stolz – vertrieben noch und arm.
Wie hab ich mich gesehnt als Du noch frei von Ketten,
Heimat in Deinem Schoß zur Ruhe mich zu betten !
Nun muß ich fern von Dir und meinen Vätern sterben –
O laß mich ein Grab in deutscher Erde erben,
Und laß ein Lied von mir in unsrer Jugend leben,
Hab meine Hülle ich Dir längst zurückgegeben!